Das Corps Borussia wird ein Teil der Universitätsstadt Tübingen
Wie sah die Stadt aus, als Borussia gegründet wurde?
Tübingen hatte seine mittelalterliche Ausdehnung bis 1870 kaum erweitert. Außerhalb der alten Stadtgrenze zwischen der Ammer im Norden, dem Neckar im Süden, dem Haagtor im Osten und dem Lustnauer Tor im Westen standen nur ein paar neue Gebäude, darunter der Bahnhof und das Gaswerk als Vorboten der Entwicklungen, die im Kaiserreich die Stadt veränderten. Die Stadt hatte noch einen dörflichen Charakter. Viele Straßen waren nicht gepflastert, erhöhte Gehwege gab es noch nicht.
Außerhalb der Stadt hatte die Universität kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Straße nach Lustnau ein neues Hauptgebäude bekommen, die Neue Aula. Hier waren die Universitätsleitung, mehrere Fakultäten und Seminare, Hörsäle, Prüfungszimmer und ein Festsaal untergebracht.
In der oberen Stadt, in der die "besseren" Tübinger wohnten, gehörten die Alte Aula, die Burse und einige Gebäude in der Münzgasse zur Universität. Seit 1882 wurde auch der Bebenhäuser Pfleghof in der Pfleghofstraße für akademische Zwecke genutzt. Die Universitätsbibliothek, das Chemische Laboratorium und die Evangelische Predigeranstalt (für Theologen in Examensnähe) waren im Schloss untergebracht. Das Evangelische Stift am Neckar und das Katholische Konvikt an der Grenze zur Unterstadt gehörten als Internate für Theologiestudenten nicht der Universität, obwohl in ihren Räumlichkeiten theologische Lehrveranstaltungen stattfanden.
In diese traditionsreiche Universitätsstadt kamen seit der Reichsgründung immer öfter junge Studenten aus norddeutschen Gebieten, die meist zum Königreich Preußen gehörten. Diese wenigen Norddeutschen, "Preußen" also, lernten sich sehr schnell kennen. Ihre Sprache, preußische Herkunft und norddeutsche Mentalität verband sie in ihrer Freizeit miteinander. So kam der Wunsch auf, ihrer inneren Verbundenheit einen äußeren Rahmen zu geben. Um sich von den studentischen Gemeinschaften der Schwaben oder Rheinländer deutlich abzuheben, gab sich die Gruppe den lateinischen Namen für Preußen: BORUSSIA war geboren.
Wie Borussia Corps wurde
Die im 19. Jahrhundert typische Organisationsform von Studenten war die Korporation. Die ältesten Tübinger Verbindungen, die bereits vor dem Kaiserreich existierten, waren Corps. Diese Corps existieren heute noch.
Viele Korporationen hatten vor 100 Jahren in ihrem Stammlokal einen Nebenraum gemietet, den sie mit ihren Fahnen, Fotos der Mitglieder, Gläsern und eigenem Mobiliar ausgestattet hatten. Hier fanden, meist wöchentlich, die gemeinsamen Abende statt. Hier traf sich die Verbindung auch mehrmals in der Woche zu sogenannten Kneipen. Bei dieser typisch studentischen Form des Feierns sind die Tische in U- oder T-Form aufgebaut. Unter der Leitung des Erstchargierten werden bei Bier und Gesprächen auch traditionelle Studentenlieder, z. B. Gaudeamus igitur, gesungen. Entweder im selben oder einem anderen Lokal trafen sich die Corpsbrüder regelmäßig zum Mittagessen und zum Kaffee.
Grundlage jeder Studentenverbindung waren und sind schriftlich fixierte Statuten, zu deren Anerkennung und Einhaltung die Mitglieder verpflichtet werden. Diese Konstitutionen definieren den Namen, die Abzeichen, den Wahlspruch und die innere Organisation der Gemeinschaft. Die Statuten der Borussia formulieren als Zweck des Zusammenschlusses, ihre Mitglieder zu einem ehrenhaften und sittlichen Leben zu verpflichten, das wissenschaftliche Streben zu fördern, Freundschaft und Geselligkeit zu ermöglichen.
Die von den Corps seit Anfang des 19. Jahrhunderts kultivierten Formen, nämlich Band und Mütze in den Verbindungsfarben zu tragen, Bestimmungsmensuren zu fechten und Satisfaktion mit der Waffe zu fordern oder zu geben, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts von vielen Studentengemeinschaften übernommen.
Die Gruppe der studierenden Mitglieder wird auch heute noch in Aktive und Inaktive eingeteilt. Die Aktiven bestehen aus den Füchsen (Neumitglieder im ersten Semester) und den Burschen (Vollmitglieder ab dem zweiten Semester). Während die Neumitglieder zu den regelmäßigen Sitzungen der Selbstverwaltungsorgane nicht oder nur mit beratender Stimme zugelassen sind, haben die Burschen in diesen Konventen Stimmrecht. Inaktiv werden Burschen nach mehreren Semestern. Sie haben der Verbindung gegenüber weniger Verpflichtungen als die Aktiven.
In den Konventen beraten die Vollmitglieder über Angelegenheiten, die die Verbindung oder einzelne Mitglieder betreffen. Beschlüsse über Aufnahmen neuer Mitglieder, das Wochenprogramm oder organisatorische Angelegenheiten wurden bereits im Kaiserreich und werden bis heute demokratisch gefasst. Jedes Semester wählt die Gruppe der Vollmitglieder ein Präsidium. Der Vorsitzende, auch Sprecher, Senior oder Erstchargierter genannt, leitet die gemeinsamen Sitzungen, die geselligen Veranstaltungen, achtet auf die Einhaltung der Statuten, kann Geldstrafen verhängen und vertritt die Korporation nach außen.
Der zweite Vorsitzende, auch Zweitchargierter genannt, ist für alle Fechtangelegenheiten, die Trainingsstunden und Mensuren zuständig. Der dritte Chargierte führt als Kassenwart alle finanziellen Notwendigkeiten aus (Mitgliedsbeiträge, Rechnungen).
Die Übernahme von Aufgaben in der Verbindung führt Studenten Verantwortung zu. Wer als Erstchargierter eine Versammlung oder ein Fest mit 30-50 Teilnehmern vorbereitet und leitet oder wer als Kassenwart Beträge, die um ein Vielfaches den eigenen Monatswechsel übersteigen, verwaltet, sammelt Erfahrungen, die ein Studierender sonst nicht erwerben kann.
Unter Satisfaktion verstand man die private Wiederherstellung der persönlichen Ehre, wenn sie durch verbale Beleidigung oder tätlichen Angriff verletzt worden war. Das Mittel zur Wiederherstellung der persönlichen Ehre war unter Offizieren, Akademikern und Studenten traditionell das Duell. Wenn also ein Student einen Kommilitonen verbal oder tätlich beleidigte, musste er damit rechnen, dass der Beleidigte den Beleidiger zu einem Duell herausforderte. Das "Auf-sich-Sitzen-lassen" einer Beleidigung galt unter Studenten als unehrenhaft. Es führte dazu, dass der Beleidigte in die soziale Isolation geriet. Bereits vor mehreren Jahrzehnten hat sich das Corps Borussia von dieser Auffassung verabschiedet!
Die meisten studentischen Vereinigungen verpflichteten ihre Mitglieder dazu, die Zugehörigkeit zur Korporation durch das ständige Tragen einer Mütze und eines Brustbandes in den Wappenfarben ihrer Verbindung zu demonstrieren. Das meist dreifarbige Brustband ist um 1800 aus einer studentischen Mode, die Taschenuhr an einem von der rechten Schulter zur linken Hüfte laufenden Band zu tragen, entstanden und war seit etwa 1825 Abzeichen des Studenten. Gleichzeitig wurde es üblich, eine Kopfbedeckung in den Farben der Verbindung zu tragen. Die Couleur ermöglichte den Verbindungsmitgliedern, in der Öffentlichkeit als Einheit erkannt zu werden. Dieses Prinzip hat die moderne Werbesprache als "corporate identity" wiederentdeckt. Die Mitglieder der Borussia entschieden sich für die Farben des Staates Preußen. Deswegen ist unser Brustband auch heute noch schwarz-weiß-schwarz gestreift.
Unser Corps ist unser Zuhause
Studienanfänger waren in der Universitätsstadt Fremde ohne private Bindungen. Der freiwillige Eintritt in eine Korporation erleichterte es, soziale Beziehungen zu knüpfen. Die Integration von Erstsemestern in einen Freundeskreis verhindert deren Isolation. Im persönlichen Umgang sprachen die Verbindungsbrüder sich mit einem familiären "Du" an, während sich Kommilitonen sonst mit dem distanzierten "Sie" anredeten. Ältere Verbindungsbrüder konnten Ratschläge beim Belegen von Lehrveranstaltungen geben und mentalen Rückhalt bei privaten oder studienbedingten Problemen gewähren. Das gilt auch heute noch.
In unserem Corps gestalten die Studenten ihre Freizeit seit über 130 Jahren gemeinsam. Die tradierten Formen studentischer Festlichkeiten bieten genügend Platz für eigene Akzente (Ausflüge, Sport, Rhetorikseminare).
Innerhalb der Selbstverwaltungsgremien lernt der junge Corpsbruder, seine Meinung zu artikulieren, demokratische Entscheidungen argumentativ herbeizuführen und sich Mehrheitsbeschlüssen zu fügen. Er hatte das aktive und passive Wahlrecht bei der semesterweisen Wahl der Vorstände unseres Corps.
Da in den meisten Korporationen schon immer verschiedene Fakultäten vertreten waren, können interdisziplinäre Gespräche stattfinden. Die Corpssbrüder lernen die Studieninhalte anderer Fakultäten kennen und erweitern so ihren Horizont.
Studenten, die im Corps eine Funktion übernehmen, sammeln Leitungs- und Verwaltungserfahrungen, die beim Berufseinstieg eine zusätzliche Qualifikation darstellen können.
Potenzielle Studienortwechsler konnten und können sich bei ihren Corpsbrüdern über den angestrebten Hochschulort informieren. An vielen Universitäten studieren gleichzeitig mehrere Mitglieder unserer Borussia.
Als immer mehr Studenten aus Norddeutschland in Tübingen studierten, kam der Wunsch auf, ein eigenes Haus zu besitzen, auch um mehr Platz für gemeinsame Aktivitäten zu haben. Die Gründergeneration - nach 1880 bereits erfolgreich in akademischen Berufen tätig - sammelte Geld, um dem Corps Borussia ein eigenes Haus auf dem Österberg zu kaufen. Nach der Einweihung diente es den Studenten als Aufenthaltsmöglichkeit, Festsaal, Café und gelegentlich auch als Wohnung. Je größer die Verbindung wurde, desto kleiner erschien das Corpshaus. Deswegen wurde der Entschluss gefasst, das alte Haus abzutragen, um an selber Stelle ein neues Haus mit zeitgemäßer Ausstattung und moderner Architektur errichten zu lassen. Im Jahr 1907 konnten wir Tübinger Preußen unser neues Corpshaus einweihen, das noch heute von uns genutzt wird. Dieses Haus ist Mittelpunkt unseres Corps und für jedes unserer Mitglieder ein Zentrum in seinem Studium und in seinem Leben.
Im Dritten Reich widersetzten die Mitglieder der Borussia sich lange der Gleichschaltung. Es drohte die Gefahr der Auflösung unserer demokratischen Organisation durch die nationalsozialistische Regierung. Die studierenden Mitglieder der Borussia lösten unter äußerem Druck die Verbindung auf. Drei Jahre später löste sich auch der Verein der ehemaligen Studenten (Alte Herren) auf. Das Corpshaus wurde "freiwillig" an die SS übergeben.
Fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konnte das Corps Borussia wieder auferstehen. Es dauerte weitere fünf Jahre, bis die französischen Truppen das Corpshaus, das sie seit dem Kriegsende belegt hatten, zurückgaben. Die wertvolle Inneneinrichtung war jedoch weitgehend verschwunden.
Literatur:
- Berndt, Walter: Corps Borussia 1870-1970, Tübingen 1971
- Biastoch, Martin: Ein norddeutscher Student im schwäbischen Tübingen, Brief eines Erstsemesters aus dem Jahre 1886, in: Einst und Jetzt 33, 1988, S. 223-225.
- Biastoch, Martin: Bestimmungsmensuren, PP und Zweikämpfe im Tübinger SC zwischen 1880 und 1890, in: Einst und Jetzt, Bd. 35, 1990, S. 8-33.
- Kolossale Stöpselei! Ein Beitrag zur Studentensprache des 19. Jahrhunderts, in: Einst und Jetzt, Bd. 35, 1990, S. 35-38.
- Ein tödliches Tübinger Studentenschicksal, in: Tübinger Blätter 77, 1990, S. 67-68.
- Das consilium abeundi; ein Fallbeispiel für die Ausübung der akademischen Gerichtsbarkeit im Kaiserreich, in: Einst und Jetzt, Bd. 37 (1992) S. 211-213.
- Das studentische Mensur- und Duellwesen im Kaiserreich, dargestellt am Beispiel dar Tübinger Corps Francania, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895, l. Auflage Tübingen 1990, Neudruck Vierow 1995
- Jüdische Studenten und studentischer Antisemitismus 1919 bis 1922 in Tübingen, in: Einst und Jetzt, Bd. 38 (1993) S. 249-252
- Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung, 284 S., Ln., Sigmaringen 1996 (=Contubernium - Tübinger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 44)
- Die Corps im Kaiserreich - Idealbild einer Epoche?, in: "Wir wollen Männer, wir wollen Taten" - Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, hrg. v. Rolf Joachim Baum, Siedler Verlag, Berlin 1998, S. 111-132